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Hit the road sweety! Oder: Autofahren leicht gemacht...

Sorry Leute, es hat ein wenig länger gedauert als geplant, aber der heutige Blog schließt sich nahtlos an den letzten an, sprich es geht los mit dem zweiten, äußerst aufregenden Tag meiner Ankunft - dem Tag, an dem ich mein Auto ausgehändigt bekommen habe.

Es begann alles noch relativ friedlich. Nämlich mit den ersten Auswirkungen dessen, was man so schön als einen Jetlag bezeichnet. Denn trotz absoluter Müdigkeit meinerseits, begann mein Tag, dem antrainierten Biorythmus sei Dank, noch vor den ersten Sonnenstrahlen um knapp zwei Uhr nachts, also ca. 8 Uhr morgens deutscher Zeit. Damit dürfte ich auch dem frühesten Vogel in Knoxville ein Schnippchen geschlagen haben... jedenfalls habe ich bis zum Sonnenaufgang um ca. 6.30 Uhr Ortszeit keinen einzigen zu Gesicht bekommen. Diese Faulpelze.

Schön und gut, ich konnte also nicht mehr schlafen, dafür hatte ich hunger, denn immerhin war es Frühstückszeit (daheim in Deutschland). Es gab da nur ein kleines Problem - ich hatte nichts zu essen. Und einfach an die Lebensmittel meiner Gastmutter wollte ich auch nicht gehen. Es galt daher zu warten, bis Carol (besagte Gastmutter) um sieben endlich aufstand um mit den Hunden rauszugehen. Na gut, ok, zuerst die Hunde und dann frühstücken. Soweit zumindest mein Plan. Nur leider ergab sich das irgendwie nicht, da es zu viel zu sehen und zu besprechen gab. Sei es drum, dass Haus (welches direkt am Little Tennessee River liegt) ist jedenfalls eine Wucht, ich hab mein eigenes riesiges Schlaf- und Badezimmer, es gibt einen abfallenden Garten und ein Bootshaus samt Boot. Wohaa!

Aber egal, ich wollte ja eigentlich von etwas ganz anderem, spannenderem erzählen. Der Tag bestand nämlich nicht nur aus der Erkundung meines Domizils und den weitläufigen Garten- und Seeanlagen, sondern auch aus ernsthafteren Angelegenheiten. Zum einen galt es mein Mietauto abzuholen und zum anderen einen obligatorischen Drogentest zu absolvieren. Eigentlich keine große Sache, schnell mal eben mit dem Bus in die City fahren, dass Auto abholen und zum Drogenlabor zu fahren. Eigentlich. Wie es der Zufall aber nunmal so will, gestaltet sich das vorankommen in KnoxCounty ohne Auto gar nicht mal so einfach. Genauer gesagt relativ unmöglich. Es gibt zwar einen Bus (ich habe in meinem zwei Wochen tatsächlich mal einen gesehen), aber sich diesem Verkehrsmittel anzuvertrauen wurde mir von Carol und Björn (ein weiterer Mitbewohner, der die Wohnung im Basement bewohnt) tunlichst abgeraten, es sei denn ich würde Wert darauf legen, die Kriminalstatistik Knoxvilles um ein oder zwei weitere Einträge zu bereichern. Äh nein, schönen Dank, darauf wollte ich dann doch ganz gerne verzichten. Und laufen ist hier so eine Sache... Knoxville ist zwar für amerikanische Verhältnisse keine große Stadt mit ihren knapp 200.000 Einwohnern, aber äußert weitläufig - richtig weitläufig! Zudem haben es die amerikanischen Baubehörden nicht so mit der Anlegung von Bürgersteigen oder gar Fahrradwegen, wozu auch. Tatsächlich liegt Knoxville in den Ausläufern der Smoky Montains und Fahrradfahren gehört hier zu den Extremsportarten, die man auf extra dafür angelegten Bikeways in den Wäldern betreibt. Das ist zwar in der Freizeit ganz lustig, aber nicht wirklich hilfreich, wenn man irgendwie zu seinem Auto kommen möchte. Björn bot sich dann aber freundlicherweise an, mich zu der Zentrale der Autovermietung zu fahren und so kam der große Moment, auf den ich schon mit gemischten Gefühlen gewartet hatte. Wie würde mein Auto aussehen, wie groß würde es sein, hatte es ein GPS oder eine Gangschaltung, etc, etc. Bevor ich mich jedoch der Aufgabe des Autofahrens widmen konnte, stellte sich mir eine Herausforderung der ganz anderen Art in den Weg: ein amerikanischer Autoverkäufer mit Tennessee-Akzent. Holla, das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Ich stand nichts Böses ahnend hinter dem Tresen, sagte artig meinen Namen und mein Anliegen auf und wartete gespannt auf eine simple Antwort á la "Yes Mam, just follow me to your car". Stattdessen bekam ich etwa drei bis vier Minuten am Stück etwas zur Antwort, was ich nicht einmal Ansatzweise einordnen konnte. Ich weiß noch genau, wie mir ein "Was zum Teufel brabbelt der da?" durch den Kopf schoss, gefolgt von purer Verzweiflung, als er seinen Singsang plötzlich und unvermittelt beendete und mich fragend ansah. Ganz offensichtlich wartete er auf eine Antwort von mir. Die Frage war nur "auf was?"! Die erlösende Antwort kam nach einem kurzen Moment peinlich berührtem Schweigens meinerseits aus unerwarter Quelle. Björn war noch nicht wieder abgefahren, sondern hatte stillschweigend ein Stück hinter mir gewartet und sich offensichtlich prächtig amüsiert. Aber egal, er wusste die Antwort und war somit mein persönlicher Held des Tages! Juhu! Nach neun Jahren in Knoxville verstand er den hiesigen Akzent ohne Probleme. So löste sich auch das Rätsel, was der sprachliche Kryptologe alias Autoverkäufer aus Tennessee eigentlich von mir hören wollte, nämlich ob ich mit den Bedingungen des von Siemens und der Autovermietung geschlossenen Vertrages einverstanden war. Wirklich witzig, als ob ich eine andere Wahl hätte. Auf meine hoch offizielle Zusage folgten dann doch Sage und Schreibe noch weitere Belehrungen, Hinweise und höchstwahrscheinlich gut gemeinte Ratschläge, von denen ich allerdings lediglich ein Drittel verstand... wenn überhaupt. Und überhaupt hörte der Kerl gar nicht mehr auf mit dem reden. Er hatte ganz offensichtlich Blut geleckt, als er gemerkt hatte, dass ich aus Deutschland kam. Zwar bemühte er sich auf seine Art, mir seine Sprechweise näher zu bringen (er sprach einfach lauter), aber nach etwas mehr als 15 Minuten war ich doch ziemlich am Ende meiner Konzentrationsspanne angekommen -und nickte einfach nur noch. Allerdings schien es ihn nicht sonderlich zu stören einen Monolog zu führen, jedenfalls dauerte es gefühlt weitere 15 Minuten, bis er mich endlich zu meinem Auto führte. Jaaaha! Endlich hatte ich Zeit, mir meinen Flitzer einmal anzusehen. Und ich muss sagen, ich habe es sehr gut getroffen. Ein süßer, schnuckeliger, kleiner Nissan Versa mit allen Schickanen in schwarz, mit Automatikgetriebe und das Beste: ich kann ihn komplett volltanken für $28!! Yeah!!!

Juhu, dachte ich, allerdings hatte ich meinen hyperaktiven Freund von Autoverkäufer unterschätzt. Er war noch nicht ganz fertig mit mir, sondern setzte dazu an, mir ein paar Einzelheiten des Autos zu erklären. Ich war gedanklich tatsächlich kurz versucht, einfach den Motor anzulassen und los zu fahren... aber leider hat man da so ein lästiges Ding namens Erziehung genossen, weshalb ich jeden Fluchtgedanken begrub und mich brav lächelnd wieder zu ihm umdrehte. Endlich kam er zu seiner Abschlussrede und ich durfte den Motor anmachen. Bevor ich jedoch die Fahrertür schließen konnte, beugte sich mein neuer Freund zu mir, klopfte mir kameradschaftlich auf die Schulter und bellte mir seinen ersten für mich klar verständlichen Satz entgegen: "Hit the road Sweety!". ...Okay. Mein Gesichtsausdruck muss irgendwo zwischen Unglauben und Belustigung gelegen haben, jedenfalls drückte er mir noch einmal aufmunternd die Schulter und ich wartete innerlich nur noch auf das obligatorische Augenzwinkern, was aber ausblieb. An dieser Stelle muss ich schon mal einwerfen, dass die Art der Südstaatler ein wenig direkter ist, als wir Deutschen sie gewohnt sind. Mittlerweile bin ich an Benennungen Meinerseits á la Sweet(y),Hon(ey) und Ba(by) durch Servicekräfte der verschiedensten Art gewöhnt.

Der spannende Moment war gekommen, ich saß in meinem Auto und realisierte in diesem Augenblick zum ersten Mal, dass ich mich tatsächlich alleine in den nicht gerade zu unterschätzenden Verkehr trauen musste. In KnoxCounty hat wirklich jeder Hunz und Kunz ein Auto, weshalb die Straßen (vorsichtig ausgedrückt) gut befahren sind. Aber es half ja alles nichts. Carol hatte mir in weiser Voraussicht, dass mein Mietauto kein Navi haben würde, ihres mitgegeben, wofür ich ihr bis in alle Ewigkeit dankbar sein werde, denn ich habe mich trotz allem unglaublich verfahren und hätte alleine einfach nie mehr nach Hause, geschweige denn zum Labor gefunden! Wer von euch jetzt denkt: so blöd kann man doch gar nicht sein, dass man sich mit einem Navi verfährt, dem hätte ich vor ein paar Monaten noch Recht gegeben, aber in den USA ticken auch die Navis ein wenig anders - und die Verkehrsschilder und Regeln erst recht. Und ich wusste am Anfang einfach nicht, dass eine Interstate mit blauem Hintergrund unterlegt ist, ein Highway mit einem weißen und das die Auffahrt auf diese Straßen einfach mal genauso aussieht, wie die Abzweigung in eine ganz normale Straße. Dazu kam, dass mein gebortes Navi in Miles und Inches die Entfernung zählte und nicht in Metern, was mir durchaus ein paar Mal zum Verhängnis wurde, denn wenn das GPS anzeigt, in 80 Ibs links abbiegen, dann ist das nicht etwas in 80 Metern oder 10 Metern, sondern absolut direkt jetzt und auf der Stelle die Straße direkt links neben dir. Daher hab ich schon mal so manche meiner Abfahrten verpasst und bin extra Runden gefahren. Aber hier mal ein paar Ausschnitte aus meinen herzallerliebsten Hinweisschildern: Zu beachten sei hier vor allem die absolut klare Darstellung, wie man sich in welche Line einzuordnen hat.

Die Amis beweisen hin und wieder aber auch einen absolut schlagfertigen Humor:

Am besten gefiel mir aber, dass mich mein Navi mitten auf einem Highway zu einen U-turn aufforderte, was tatsächlich Gang und Gebe zu sein scheint. Dafür gibt es in der Mitte der Straße eine eigens dafür angelegte Line, die "Suizide-Line" wie ich sie gerne nenne, die von beiden (!) Seiten von Autofahrern befahren werden kann (man kommt sich auf diesem Mittelstreifen also schon mal entgegen) und zum wenden oder auch für "Links-Abfahrten" genutzt wird, also wenn ich links anstelle von rechts vom Highway abfahren möchte. Ganz herrliche Sache.  Ach, und wenn ich an einer Ampel stehe, die Rot leuchtet, kann ich trotzdem fahren, wenn ich rechts ab möchte und sonst keiner kommt. Kein Problem, Rot ist hier eben nicht gleich Rot.  

Sei es drum, ich habe es dennoch zum Drogenlabor geschafft! Wenn auch mit zwei Beinaheunfällen, da ich einfach mal gewohnheitsmäßig die Gangschaltung bedienen wollte, um mein Auto zu verlangsamen, bzw. zu beschleunigen. Nur leider hat mein Auto keine Gangschaltung, was bedeutet, dass ich mal eben ganz elegant mit dem linken Fuß anstatt auf das (nichtvorhandene) Gangschaltungspedal auf die Bremse gelatscht bin. Nun funktioniert so eine Gangschaltung zu meinem Ärger ein wenig anders, als ein Bremspedal. Letzteres ist irgendwie viiiiiel sensibler, wohingegen man ersteres ja gänzlich durchtritt um den gewünschten Effekt hervorzurufen. Wenn man nun statt der Gangschaltung die Bremse voll durchtritt, schafft man einen Fullstop tatsächlich in weniger als 100 Metern, auch wenn man gerade eben noch mit Tempo 45 Meilen gefahren ist. Allerdings finden die Autofahrer, die bisher noch friedlich hinter einem her getuckert sind, diesen plötzlichen Test ihrer Reaktionszeit irgendwie weniger erquickend. Auch für meinen Blutdruck war das nicht gerade zuträglich... Ich war doch ein klein wenig fertig mit meinen Nerven, als ich endlich die Straße erreichte in der sich mein Ziel (das Drogentestlabor) befinden sollte. Zittrig und hungrig fuhr ich auf der Straße entlang. Das GPS zeigte noch 200 Inches, also müsste das Labor bereits zu sehen sein. Das dumme war nur, dass es nicht zu sehen war. Ich fuhr also weiter, das GPS zeigte folgende Aufschrift: noch 100 Inches, 80, 40, you reached your destination. Aha, ich war also da. Nur war "da" nichts, außer ein paar Privathäuser und der Parkplatz für einen Friedhof. Ansonsten Nada, Niente. Herrlich, warum eigentlich immer ich?! Ich fuhr ein Stück weiter, mein Navi piepte auf "please turn around when possible". Fein, dann halt wieder zurück, vielleicht hatte ich es ja nur übersehen. Das Spielchen des "Hin und zurück" machte ich noch geschlagenen drei Mal mit, dann hatte ich die Nase gestrichen voll und parkte auf dem Friedhof, was perfekt zu meiner Stimmung passte. Tatsächlich fand sich besagtes Drogenlabor versetzt hinter zwei anderen Privathäusern versteckt und war von der Straße aus nicht zu sehen. So etwas nenne ich mal eine gute Lage. Was ich bei meiner Tagesplanung übersehen hatte, war, dass das Labor nur bis halb drei Nachmittags geöffnet hatte und es war kurz nach halb! Also hurtig hurtig im Sprint über den Parkplatz der beiden Häuser gejagt und an der Tür gerappelt. Jetzt hatte ich es schon hierher geschafft, jetzt wollte ich auch hinein. Und ich hatte tatsächlich mal Glück! Die Amis sind ein klein wenig kulanter mit ihren Öffnungszeiten für abgehetzte, gestresste und halbverhungerte Kunden, die so herzlich und zurückhaltend um Einlass betteln.  Ich durfte demnach meinen Drogentest absolvieren. Juhu! Also nichts wie zurück zum Auto und ab nach Hause. Aber, wie sollte es auch anders sein, ich hab es natürlich nicht geschafft, mich nicht zu verfahren. Wenigstens habe ich diesmal keine Beinahe-Unfälle gebaut, da ich mein linkes Bein krampfhaft an den Fahrersitz gequetscht hatte, nur zur Sicherheit. Immerhin schon mal ein Anfang.

Tja, was soll ich sagen, ich schwor mir eigentlich so schnell nicht wieder Auto zu fahren, als ich endlich zu Hause ankam, aber irgendwie kam mir das Footballspiel am nächsten Tag in die Quere, zu dem ich mit Erika gehen wollte... und ich sollte fahren! Aber das erzähle ich ein anderes Mal.

1.12.10 05:53

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Astrid (2.12.10 14:48)
"Hit the road Sweety!"
Bekommst du in deinem Führerschein eigentlich ein Sondersternchen, als Zeichen dafür, dass du auch "amerikanisch" fahren kannst? :-)

Finde ja wieder amüsat:Wenn dein Gegenüber dich nicht versteht, MUSS es an der Lautstärke liegen. *g*

By the way, auf das Boot am Haus bin ich schon etwas neidisch :-P


Curare (3.12.10 02:05)
Fahrtechnisch bin ich tatsächlich schon amerikanisiert! Bin mal sehr gespannt, wie das wird, wenn ich irgendwann wieder in Deutschland fahren muss... :D
Ja ja, die Lautstärke ist IMMER schuld!

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